20 Evergreens ...

... querbeet durch Heinz Wegmanns Landstriche

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Am Anfang war das Wort

Und ich wurde
Wortlaller
Wortstotterer
Wortsucher
Wortschürfer
Wortwechsler
Wortstreiter
Wortführer
Wortgetreuer
Wortliebhaber
Wortverführer
Wortspieler
Wortkünstler
Wortschöpfer
Worterfinder
Wortgewandter
Wortmächtiger
Wortreicher
Wortverköstiger
Wortbetrunkener
Wortverschwender
Wortgewaltiger
Wortvergewaltiger
Wortbrüchiger
Wortfälscher
Wortverdreher
Wortverwechsler
Wortzertrümmerer
Wortverächter
Wortflüsterer
Wortklauber
Wortkarger
Wortverweigerer

Wortloser

(aus: Muttermal und Augenweiss)

Der Schirm

Da war einer, dem war unversehens das Leben abhanden gekommen.
Er hatte es irgendwo abgestellt und dort vergessen, wie man einen
Schirm vergisst.
Er unternahm noch zwei, drei Versuche es wiederzufinden, ging auch
auf das zentrale Fundbüro, aber es war von niemandem ein Leben
abgegeben worden.
So gab er es auf und lebt seitdem immer mit der ungewissen Angst
vor dem nächsten Regen.


(aus: Aperitifgeschichten)

Der Fisch an der Angel

Einem Fisch, der an der Angel zappelte, lief angesichts
seines unausweichlichen Todes sein bisheriges Leben
blitzschnell vor seinem inneren Auge ab.
Je näher er seinem Ende kam, desto deutlicher schien ihm,
all seine verflossenen Tage hätten aus nichts anderem bestanden
als aus eben diesem Zappeln.
Diese Erkenntnis verlieh seinem allerletzten Zappeln
eine geradezu strahlende Verzweiflung.


(aus: Aperitifgeschichten)

Die Falle

Da war einer, der sich dabei ertappte,
dass er immer wieder in die gleiche Falle tappte.
Dies stimmte ihn zunehmend ärgerlich.
Vollends aus der Fassung geriet er aber,
als er sich dabei ertappte,
dass er die Falle, in die er immer wieder tappte,
sich auch selber gestellt hatte
und dass diese mit der Zeit
wie von selber zuschnappte.


(aus: Sag mir wo die Blumen sind)

Usw.

Da gab es einen, dessen einziger Lebenssinn darin zu bestehen schien, irgendwelche mehr oder weniger unnötige Waren an den Mann, bzw. die Frau zu bringen.
Vor lauter Eifer merkte er nicht, dass er dabei im Laufe der Zeit Teile von sich verloren hatte: zuerst nur ein paar Haare, dann einen Fussnagel, einen Zahn, schliesslich Grösseres wie ein Ohr, eine ganze Zehe oder eine halbe Lunge, was indes sein Wohlbefinden und seinen strahlenden Optimismus in keiner Weise zu beeinträchtigen schien.
Auch nachdem ihm sein Kopf irgendwo abhandengekommen war, sprudelte auf die Frage der andern, wie es ihm gehe, unentwegt die muntere Antwort aus seinem Halsstumpf, danke, er könne nicht klagen, es gehe ihm ausgezeichnet, er sei eben daran ein absolut neuartiges Produkt zu lancieren, auf das Mann und Frau schon längstens gewartet hätten, es handle sich dabei, so fährt er begeistert fort, um ein vollständig elektronisch gesteuertes Suchgerät, welches zum Aufspüren von verloren gegangenen menschlichen Teilen wie Haaren, Fussnägeln, Zähnen, Ohren, Zehen, halben Lungen und sogar ganzen Köpfen diene und das den gesamten Weltmarkt in kürzester Zeit erobern werde usw.

(aus: Muttermal und Augenweiss)

Das Gesicht verlieren

Einmal verlor einer sein Gesicht.
Er hatte es gar nicht bemerkt, aber nun lag es da, irgendwo auf einem
Stück Asphalt, und die Leute gingen darüber hinweg und trampelten
darauf herum, ohne dass sie bemerkten, dass da ein Gesicht unter ihren
Füssen lag. Und auch als das Gesicht unter ihren Schritten leise aufschrie,
merkten sie es nicht, weil es so da lag wie ein nass gewordenes
und flach gepresstes Zeitungspapier und fast dem Boden gleich.
Jedermann ging eilig weiter seines Wegs, und der Mann ohne Gesicht ging auch
weiter seines Wegs und hatte schon bald vergessen, dass er je ein Gesicht
besessen hatte, und als der Wind schliesslich das federleicht gewordene Gesicht
vom Boden aufwirbelte und durch die Lüfte trug, hatte das Gesicht selber
vergessen, dass es einst ein Gesicht gewesen war, und es verlor sich
irgendwo, nicht weit weg von der Stelle, wo sich auch der Mann ohne Gesicht
verloren hatte.


(aus: Notvorrat und andere Leckereien)

Poesie

Da war einer, dem war ein Kirschstein in sein linkes Ohr geraten.
Dieser verursachte dort einen sanften Druck, der von Tag zu Tag
stärker wurde.
Der Mann versuchte mit allen möglichen Hilfsmitteln, den Stein
herauszuklauben. Aber je mehr er grübelte und stocherte, desto
tiefer stiess er ihn in seinen Gehörgang hinein.
Schliesslich gewöhnte er sich an den Schmerz.
Nur wenn er ihm stechend durch seinen Kopf fuhr, wurde er an den
unliebsamen Gast erinnert.
Seit kurzem hört er das Gras wachsen rund um das Kirschbäumchen,
das ihm aus dem linken Ohr spriesst und das die andern Menschen
beunruhigt betrachten.


(aus: Aperitifgeschichten)

Vom Festhalten und Loslassen

halt mich
jetzt
ganz nah und fest
dass ich dich
dann
loslassen kann

lass mich
jetzt
ganz los und frei
dass ich dich
dann
festhalten kann


(aus: Sag mir wo die Blumen sind)

Wetter wechselhaft

Sie kam mit einem stürmischen Südwind in sein Leben.
Der Ostwind liess sie zusammen ein paar stabile Schönwettertage erleben.
Der Westwind lehrte sie gegenseitig ihre Tiefdruckgebiete kennen.
Es gab Zeiten, da wehten die Winde aus allen Richtungen
und nahmen sie mit in einen einzigen grossen Wirbelsturm.
Dann wechselte die Wetterlage ganz und liess sie zurück
in einem eisigen Nordwind, ihre Herzen erstarrt in Frost.
Mit zusammengepressten Augen starren sie beide auf die Wetterprognose
der kommenden Tage.


(aus: Aperitifgeschichten)

Ich suche was ich finde

«Ich suche, was ich finde»– das ist mehr und mehr mein Leitsatz.
Ich suche nicht nach etwas Bestimmtem, sondern lasse mich leiten
von den Dingen, die liegengeblieben sind.
Ich habe also keine festen Pläne, wie ich meine Tage gestalte, nur den
äusseren Rahmen lege ich mir am Morgen fest. Ich bin in einem nie
gekannten Sinn selbständig, frei. In der Steuererklärung fülle ich denn auch
nur die Rubrik «Einkünfte aus selbständiger Erwerbstätigkeit» aus.
Das Verlorene liegt ja einfach da, absichtslos. Es ist aus dem Verkehr
gezogen, aus dem Leben herausgefallen. Es hat mal jemandem gehört,
aber jetzt ist es verlassen, und jedes Mal, wenn ich einen solchen Gegenstand
so daliegen sehe, berührt mich als erstes dessen Herrenlosigkeit – ein Gefühl,
das ich sehr gut kenne und darum nachempfinden kann. Kaum halte ich
solch verlassene Gegenstände in der Hand, erwacht das Reglose jeweils zu
neuem Leben. Am Anfang rebelliert es zwar noch schwach, aber dann ergibt
es sich meinen Händen. Es ist eine Art Wiederbelebungsversuch, den ich hier
durchführe, und nach und nach und immer dringender will das verloren
Gegangene zurück in die Welt. Ich helfe ihm dabei, in den Kreislauf zurück
zu finden. So sehe ich meine Tätigkeit des Auflesens auch: als Versuch zur
Wiedergutmachung an vernachlässigten, zur Seite geschobenen Objekten.
«Wiedererweckung des Vergessenen» so könnte man mein Motto auch nennen.
Ich stelle sicher, dass nichts vergessen geht, was vom Vergessen bedroht ist.


(aus: Der Aufleser)

S Wunder vo de Freiheit

Zwüsched de Zää vonere Falle
d Pfoote vomene Fuchs
und Bluet im Schnee
s Bluet vom Fuchs
und Spuure im Schnee
d Spuure vom Fuchs
won uf drei Pfoote weggrännt isch
gäge d Aabigsune
zwüsched de Zää
en Haas wo na gläbt hät


(aus: Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut)

Es chlopfed

Wer isch da?
Niemer
Es isch nu miis Herz wo chlopfed
wo vor sich ane chlopfed
wo ganz fescht chlopfed
wäge diir
Aber d Tüürfalle
wo waagrächt vor sich ane glänzt
macht e kän Wank
tuet sich nöd verrode
wott sich um s Verrode
nöd verrode


(aus: Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut)

Ohni Wort

Diini Auge sind
sie sind wie
ich weiss nöd wie

Und diini Huut
schmökt esoo
wie seli säge

Und diini Haar
tunked mi
ebe ja

Mit diir
isch ales irgendwie
ich weiss sälber nööd

Weisch
ich möcht
mit diir
vilicht tönts blöd
aber

Ich ha di eifach
hä ja
du weisch ja scho was


(aus: Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut)

es bitzeli

es bitzeli gschnäller
es bitzeli höcher
es bitzeli stärcher
es bitzeli schöner

alles
es bitzeli besser

vo allem
es bitzeli meh

nume es bitzeli
es birebitzeli


aber bald isch es
es bitzeli meh
als es bitzeli

bald isch es
es bitzeli
z’vil

dänn git’s
es bitzeli
en Chlapf

und dänn
isch es scho
es bitzeli meh
als es bitzeli
z’spaat


(aus: Sag mir wo die Blumen sind)

Über den Vorteil des Älterwerdens

Was ich alles nicht mehr sein muss:
Chartsänger
Olympiasieger
Oscargewinner
Nobelpreisträger

auch nicht:
Spitzenreiter
Weltcupleader
Tabellenerster
Medaillenträger

sicher kein:
Frauenverführer
Herzensbrecher
Womanizer
Ladykiller

nein, nein, weder:
Türvorsteher
noch Weltenlenker
weder Übervater
noch Säulenheiliger

und nein, auf gar keinen Fall:
Klinkenputzer
Augenklimperer
Einschmeichler
Arschlecker

definitiv kein:
Publikumsliebling
Weltrekordhalter
Jahrhundertkünstler
Bestsellerschriftsteller

und nie und nimmer:
Heerführer
auch nicht Diskussionsführer
nicht mal Brautführer
oder sonstwie Anführer

und niemals mehr:
Topankläger
Starverteidiger
Tonangeber
Meistersinger

man bewahre mich vor:
dem Konzernleiter
dem Branchenleader
dem Denkvorsitzenden
dem Oberkommandierenden

und erst recht vor:
dem die Führung Innehabenden
dem das Szepter Schwingenden
dem die erste Geige Spielenden
dem die Zügel in der Hand Haltenden
dem den schönen Schein Wahrenden
dem an oberster Stelle Stehenden
dem jederzeit mit gutem Beispiel Vorangehenden
dem den ersten Platz um jeden Preis Verteidigenden

All dies kann ich lächelnd meiden
muss niemanden um nichts beneiden
kann mich ohne jedes Leiden
einfach mit – HW bescheiden


(aus: Sag mir wo die Blumen sind)

Der Mann im Restaurant

Da ging einer tagtäglich und für Jahre ins gleiche Restaurant,
obwohl er dort nie erhielt, was er wollte.
Bestellte er Nudeln mit Brätkügeli, brachte ihm das
ältliche Servierfräulein Kartoffelstock mit Geschnetzeltem.
Statt Randensalat stellte man ihm zur Vorspeise Kürbissuppe hin,
und zum Dessert erhielt er ein Vanille-Eis
statt des bestellten Karamelköpflis.
Aber es wäre ihm nie eingefallen,
das Restaurant zu wechseln.
Er hatte es im Gegenteil richtig liebgewonnen
und freute sich tagtäglich schon im Voraus
auf die schöne Überraschung,
die er heute wieder vorgesetzt bekäme.


(aus: Muttermal und Augenweiss)

Standbild

Landauf und landab
sind sie jetzt wieder
in die Landschaft
gesetzt

an Waldrändern
auf Feldwegen
an Strassenborden
an Seeufern
in Fluren und Matten
an Teichen und Tümpeln

inmitten von Wiesen
umringt von Weiden
unter Bäumen
und Sträuchern
in Wäldern
und Feldern

blühen sie
glänzen sie
funkeln sie
blitzen sie
blinken sie
gleissen sie

metallic
chromstählern
silberig
goldig
fluoreszierend
diamanten

in der Frühlingssonne

die erdfarbenen Range Rover Defenders
die sandfarbenen Nissan X-Trails
die holzfarbenen VW Tigans
die schlammfarbenen Hyundai Santa Fees
die holunderroten Urban Cross Suzukis
die kirschblütenweissen Peugeot Crossways
die maiglöckchenfahlen Skoda Yetis
die krokusorangen Dacia Dusters
die primelvioletten Mitsubishi Outlanders
die mountaingrauen Jeep Cherokees
die enzianblauen Subaru Foresters
die vulkanoschwarzen Ford Kungas
und
drumherum
die Menschenstatuetten
das Fest der
neuen Gottheit SUV
feiernd
mit angewinkeltem Arm
etwas
vor ihre Gesichter
haltend
wie ein Gebetsbuch


(aus: Muttermal und Augenweiss)

Apéromanie – oder warum der Apéro eigetli e Schwiizer Erfindig isch

Apéro hin Apéro her
Apéro everywhere

Es Gschpängscht gaat ume –
oder eigetli ehner es Gschpängschtli
Es kurligs Gschpängschtli
aber es harmlooses Gschpängschtli
Es schnüsligs Gschpängschtli
aber es hartneckigs Gschpängschtli

Überall und immer isch es debii
Du chunsch gar nüme anem verbii
Und isch es mal daa, laats di nüme la sii

Es gheisst: Apéro!

Es isch eso öppis vo schwiizerisch:
Mit siine Schnörrefuxerli wo eim nöd satt mached
Mit siim Zöikle uf öppis Grössers
Mit siim Hoffnig mache uf öppis wo na chunnt –
oder au nööd

Mit siinere Vorliebi für de Diminutiv:
Party-Brötli
Mini-Pürli
Chääs-Stängeli

Irgendwänn isch es emal iigwandered
und hät da wele uufwachse
Aber es isch nie so rächt gross worde
Me häts glaub äxtra chlii ghalte

Es isch wien es Bonsai under den uusgwachsne Mahlziite
won aber wucheret wien es Uchruut
überall wo’d here chunsch
gsehsch es:

Apéro hin Apéro her
Apéro everywhere

Eröffnig mit Apéro
Konzert mit Apéro
Jubiläum mit Apéro

Und was gits daa? Salzstängeli
Chäsherzli
Späckgugelhöpfli

Vortrag mit Apéro
Podium mit Apéro
Empfang mit Apéro

Und deet gits: Rüebli-Stäbli
Parmesan-Möckli
Binätsch-Drüüeggli

Läsig mit Apéro
Diskussion mit Apéro
Gottesdienscht mit Apéro

Und jetz gits: Bletterteig-Ängeli
Pouletflügeli
Mohnherzli

Modeschau mit Apéro
Workshop mit Apéro
Füerig mit Apéro

Und mer findet: Lachsrölleli
Pizza Chüsseli
Fleischbölleli

Plausch mit Apéro
Höck mit Apéro
Talk mit Apéro

Und da gits: Dinkelmutschli
Ankezöpfli
Laugebrätzeli

Konferänz mit Apéro
Versammlig mit Apéro
Sitzig mit Apéro
Deet gits dänn Klassiker wie: Schinkegipfeli
Thonkanapeeli
Gmüespastetli

Geburtstag mit Apéro
Taufi mit Apéro
Hoochsig mit Apéro

Jetzt muess es e chlii öppis Gschwullners sii
nämli: Rohschinke-Truube-Spiessli
Tomate-Mozarella-Igeli
Fisch-Olivemousse-Rugeli

Vernissage mit Apéro
Uustellig mit Apéro
Finissage mit Apéro
(mängsmal au Beerdigung gnännt oder Liichemööli)

Und au deet chömmer namal richtig:

Teigtäschli habere
Linsetätschli mampfe
Bireweggli schmatze
Gmüesstückli tünkle
Lauchfischli spachtle
Chilinüssli knäbberle
Pesteoschnäggli schläbere
Ofechüechli ineschuufle
Späckchöpfli abetrucke
Grittibänzli inebiige
Bölle-Krokettli hindere rüere
Und dezue es Glesli Wiisse oder es Cüpli
güügele

Apéro hin Apéro her
Apéro everywhere

Oder uff guet Züriüütsch:
De Apéro macht voll uf Stimmig
Miich macht er ganz stigelisinnig
Und s chlii Schwösterli s’Aperööli
macht mi na kompleet zum Lööli


(aus: Sag mir wo die Blumen sind)

Espresso

›Weniger ist manchmal mehr‹, dachte er sich
und nahm das winzige und einzige Schlückchen
der braunschweren Mischung aus Bitterkeit und Süsse,
während die andern lange an ihren lächerlich hellen
Milchkaffeebrühen schlürften, dabei mit wässerigen Augen
um sich schauend, als suchten sie etwas.


(aus: Sag mir wo die Blumen sind)

Welttheater

Der schottische Himmel lieferte an jenem Tag
ein grandioses Welttheater.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

(aus: Muttermal und Augenweiss)

Extras

Hier erhalten Sie exklusive Extras von Heinz Wegmann

Der Rotstift

Schon als Kind hatte der Rotstift die Berufung in sich gespürt
Fehler aufzustöbern und diese sofort rot einzufärben,
um sie so anzuschwärzen und schliesslich auszumerzen.
Diesen Weg war er auch später weiter gegangen,
konsequent und kompromisslos.
Fehler wirkten auf ihn wie ein rotes Tuch.
Er verfolgte sie mit seinem ganzen Herzblut, als sei ihm diese
Arbeit in Form eines Auftrags vom Himmelsrot persönlich
geschickt worden.
Wer ihn jemals gesehen hatte, wie er sich mit vor Erregung
rotglühenden Wangen auf die Jagd nach Fehlern machte
und nach einer langen Fehlernacht mit rotgeäderten Augen voller
Stolz dem Tag entgegenblinzelte, konnte nichts anders als ihn
beneiden.
Dass er ob dieser Suche die anderen Farbstifte gar nicht
wahrnahm, erschien dem Rotstift selber nicht als Mangel.
Das Rotanstreichen zog sich wie ein dicker roter Faden
durch seinen sonst eher eintönigen Lebensteppich.
Das Rotsehen war seine einzige und ultimative Sichtweise.
Mit den Jahren liessen sich aber die Spuren der Abnützung
nicht länger verleugnen: Der Lebenssaft des Rotstiftes trocknete
mehr und mehr aus, was seine Auszeichnungen matter und matter
machte.

Und wenn er später einmal selbst dem
GROSSEN ROTEN ROTSTIFT zum Opfer fällt,
wird sich seine farblose Spur längst verlaufen haben
in einer nach wie vor fehlerhaften Welt.

Amix tanze

Als Bebee händ mi amix ali wele abschmützle
und dänn seigets amix mit mir i de Stube umenand tanzet
ich heig das amix uugern gha
won i dänn e chli grösser gsi bin
bin i amix devooghöselet
wämmer öpper amix hät wele es Chüssli ghee
 
es paar Jöörli spööter hett i dänn amix na so gern
mit emene Mäitli wele schätzele
ich han amix a die gross Liebi glaubt
da han i amix alles ghee
ich hett amix eso gern wele schmüüsele und nameh
aber die Mäitli händ das amix gar nöd eso gern gha
sie händ mi amix uusglachet
da bin i amix scho e chli enttüüscht sii
 
spööter han i dänn amix mit de Girls nume na e chli umegfüxlet
mir Purschte händ amix lieber uf öisne Smartphones umegspilt
und wänn ich hüt uf e Party gang
find i amix bald emal d’Musig z’luut und d’Drinks z’tüür
ich han amix e chli Hemmige zum daa umenand z’tanze
und d’Sou uselah chan i amix au nöd
es stinkt mer amix gschnäll
ich has amix nüd eso gern, wänn mir öpper z’neech chunnt
ich bin amix bald emal z’müed
ich tänke amix: Was sölls’s?
und gang amix früeh hei
dänn chani amix gar nöd eso guet iischlaafe

Standbild

Landauf und landab
sind sie jetzt wieder
in die Landschaft
gesetzt

an Waldrändern
auf Feldwegen
an Strassenborden
an Seeufern
in Fluren und Matten
an Teichen und Tümpeln

inmitten von Wiesen
umringt von Weiden
unter Bäumen
und Sträuchern
in Wäldern
und Feldern

blühen sie
glänzen sie
funkeln sie
blitzen sie
blinken sie
gleissen sie

metallic
chromstählern
silberig
goldig
fluoreszierend
diamanten

in der Frühlingssonne

die erdfarbenen Range Rover Defenders
die sandfarbenen Nissan X-Trails
die holzfarbenen VW Tigans
die schlammfarbenen Hyundai Santa Fees
die holunderroten Urban Cross Suzukis
die kirschblütenweissen Peugeot Crossways
die maiglöckchenfahlen Skoda Yetis
die krokusorangen Dacia Dusters
die primelvioletten Mitsubishi Outlanders
die mountaingrauen Jeep Cherokees
die enzianblauen Subaru Foresters
die vulkanoschwarzen Ford Kungas
und
drumherum
die Menschenstatuetten
das Fest der
neuen Gottheit SUV
feiernd
mit angewinkeltem Arm
etwas
vor ihre Gesichter
haltend
wie ein Gebetsbuch

Der Briefträger

Beim Besuch in einem Alters- und Pflegeheim beginnt ein
Bewohner – ein Mann, den ich nicht kenne, und der auf einem
Rollstuhl beim Empfang sitzt  plötzlich und unaufgefordert von
seinem Leben zu erzählen.
Er sei Briefträger gewesen, ja, in diesem Dorf, fast 45 Jahre lang,
und er habe in dieser Zeit gut und gerne an die 50 000 Kilometer
auf seinen beiden Füssen zurückgelegt. Dazu schaut er mich
mit seltsam brennenden Augen an und lacht ein nervöses Lachen.
Dann bittet er mich, ihm doch zu helfen von seinem Rollstuhl auf
eine Sitzbank zu wechseln, die zum Restaurant gehört und die
unmittelbar neben ihm steht.
Als er die Wolldecke zurückschlägt, mit welcher er den unteren
Teil seines Körpers bedeckt hatte, sehe ich, dass der Mann nur
noch ein Bein hat.
«Unfall», sagt er mit dem gleichen nervösen Lachen, «zwei Jahre
vor der Pensionierung hat’s mich erwischt …, auf der Route
angefahren von einem Auto.»
Seitdem sei er nicht mehr so «tifig», fügt er entschuldigend bei,
als er nach mühsamem Drücken und Schieben endlich auf der Bank
sitzt, die brennenden Augen immer noch auf mich gerichtet.

Das Muttermal

Nur an einem Fädelchen schien es zu hängen, in seiner linken Nackenbeuge,
und dort ein ganz und gar überflüssiges Dasein zu fristen.
Es wäre eine Kleinigkeit, dachte er, sich seiner mittels eines winzigen
Schnittes endgültig zu entledigen.
Er gab einer Frau die Klinge in die Hand und forderte sie auf,
das längst Fällige zu tun.
Aber kaum hatte sie angesetzt, fuhr ihm der Schnitt tief in seine
Eingeweide, und für die Dauer eines zeitlosen Schmerzes
flammte der Feuerfleck auf zu einem brennenden Mahnmal,
das nicht aufhören wollte, sein Blut zu verströmen.

Im Wartsaal

Die Frau, die in den kleinen Wartsaal eintritt mit erwartungsvollem Lächeln
und suchenden Augen, die vor Zärtlichkeit glänzen.
Die Wartenden auf den hölzernen Bänken sehen sich um und werfen sich
fragende Blicke zu: Welchem Glückspilz gilt solche Zuwendung?
Und dann ist es der Hund, der unter der Sitzbank, wo er brav gewartet hat, hervorkriecht
und schwanzwedelnd, pfotenverwerfend und zungentriefend an der Frau hochspringt,
piepsende, fiebrige und orgiastische Töne ausstossend.

OK

Hi, wie gaht’s?
– Ok. Und dir?
Ok.
– Ok, schön.
E Fraag, ok?
– Ok.
Was meinsch: Weles Wort wird im Momänt am hüüfigschte bruucht uf Schwyzertüütsch?
– ???
Ok, häsch d’Fraag verstande?
– Klar hani d’Fraag verstande, ich bi doch nöd blöd, ok?
Ok, ok, ok … has nöd so gmeint. Ich frööge namal: Weles Wort chunnt uf Schwyzertüütsch am hüüfigste vor. Pro Tag. Ok?
– ???
Ok. Tänk emal e chli. Probier der es Gsprööch vorzstelle, ok.
– Ok, es Gschprööch …Was für es Gschprööch?
Irgend es Gschprööch. Es ganz normals Gschprööch. Eis wo für dich ok isch.
– ???
Isch es jetz ok? Weisch es jetz?
– Nüüt isch ok. Was selli wüsse?
Ebe …
– ???
Ok, ich muess der’s wahrschiinli säge. Ich säg der’s, ok?
– Jaaaaaa, ok.
S Wort wo im Momänt am hüüfigschte bruucht wird, isch ok!
– Ok?
Ja. Ok. Überall und immer wieder ghörsch es, das ok. Es isch es richtigs Modewort worde, das ok. S’Wätter isch ok, de Gschlächtsverchehr isch meh als ok, s’Auto isch völlig ok und d’ Schwiegermuetter isch schon na ok.
– Ok …
Ok! – Dir fallt also als Reaktion nüüt anders ii als ok?
– Was selli dänn anders säge als ok?
Ok isch s’hüüfigste Mundartwort, ok? Fallt der nüüt uuf?
– ???
Ok isch doch gar nöd Schwyzertüütsch!
– Ok isch nöd Schwyzertüütsch?
Nei, ok isch nöd Schwyzertüütsch. Ok isch doch Änglisch!
– Ok, das isch mer jetz gar nöd uufgfalle.
Aber miir, ok? Und ich finds im Fall gar nöd ok, dass es änglisches Wort
meh bruucht wird als ali andere Mundartwörter.

– Aber Änglisch isch doch en okeii Spraach …
Ja scho, aber mir händ doch im Schwyzertüütsch eigni Wörter zum ok säge.
– Was heisst dänn ok uf Schwyzertüütsch?
Ok … Da chamer zum Bispiel säge.??? Ok. das isch jetz gar nöd eso eifach …
Ok heisst ebe … heisst ebe … ok, au uf Schwyzertüütsch. Ok?

– Was? Ok heisst ebe ok uf Schwyzertüütsch?
Ja, eso chammers säge, ok?
– Ok, dänn dörf mer also ruhig ok säge, wänn öppis ok isch …
Ja, wänn der nüüt anders iifallt, cha mer dadefüür s’ok ghee …
– Ok isch also ok?
Lömmer das, ok?
– Ok. Lömmer das.
S’isch ja alles ok.
– Alles ok.
Meh als ok.
– Meh als ok.
Meh ok weer nüme ok …
– Meh ok weer nüme ok …

– Du häsch im Fall aagfange, ok?
Jetz hör äntli uuf, ok?
– Ok.
Ok.