Heinz Wegmann
Der Oldie des Monats
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MÄRZ 2025
She sings so nice
She sings so nice
there’s no desire in her voice
She sings alone
to tell us all
that we have not been found
Sie singt eso schön
Sie singt eso schön
in irer Schtimm isch e käis Verlange
Sie singt eläi
und laat öis zrugg
mit öisem äigene Plange
Aus: Leonard Cohen Poems «Verussen isch chalt», Schwiizertüütsch vom Heinz Wegmann
Berechtigte Lizenzausgabe, zweite ergänzte Auflage, 2010
JULI 2026
Der schwarze Mittelstürmer
In einer Fussballmannschaft, die – mit einer einzigen Ausnahme – nur aus Weissen bestand, war es ausgerechnet der schwarze Mittelstürmer, der im alles entscheidenden Spiel das siegbringende Tor erzielte.
Unzählige weisse Zuschauerhände stiessen in den nachtschwarzen Himmel und fielen dann in flatterndes, peitschendes Klatschen.
Der schwarze Mittelstürmer streckte der jubelnden Menge seine beiden Handflächen entgegen, die im prallgefüllten Stadion aufleuchteten wie zwei blendend weisse Vögelchen.
AUGUST 2026
Graas wachse
Da isch eine gsii
wo ghöört hät
s Graas wachse
und d Flöh hueschte
Es isch aber e Ziit gsii
wo e kä Graas meh gwachsen isch
und au d Flöh nüme ghueschtet händ
Defüür isch siin eigne Hueschte
immer tüüfer gwachse
Käs Wunder
hät er bald
deet müesse inebiisse
wo früener emal
Graas gwachsen isch
Aus: «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», Federlesen Verlag, 2012
SEPTEMBER 2025
Packungsbeilage
Sein Leben war garantiert
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
Die bisherigen «Oldies des Monats»
AUGUST 2026
Graas wachse
Da isch eine gsii
wo ghöört hät
s Graas wachse
und d Flöh hueschte
Es isch aber e Ziit gsii
wo e kä Graas meh gwachsen isch
und au d Flöh nüme ghueschtet händ
Defüür isch siin eigne Hueschte
immer tüüfer gwachse
Käs Wunder
hät er bald
deet müesse inebiisse
wo früener emal
Graas gwachsen isch
Aus: «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», Federlesen Verlag, 2012
JULI 2026
Der schwarze Mittelstürmer
In einer Fussballmannschaft, die – mit einer einzigen Ausnahme – nur aus Weissen bestand, war es ausgerechnet der schwarze Mittelstürmer, der im alles entscheidenden Spiel das siegbringende Tor erzielte.
Unzählige weisse Zuschauerhände stiessen in den nachtschwarzen Himmel und fielen dann in flatterndes, peitschendes Klatschen.
Der schwarze Mittelstürmer streckte der jubelnden Menge seine beiden Handflächen entgegen, die im prallgefüllten Stadion aufleuchteten wie zwei blendend weisse Vögelchen.
JUNI 2026
Denkpause
Da war einer, der mutterseeleinallein über den autofreien Platz einer Stadt ging und plötzlich in die mittägliche Ruhe hineinschrie:
«Wir machen nichts anderes als den ganzen Tag fressen, saufen, scheissen.»
Die Leute auf den Bänken ringsum hoben für einen kurzen Moment ihre Gesichter über ihre durchsichtigen Wasserflaschen, und bald darauf gingen alle wieder zurück in die Bürohäuser, das Smartphone vor den Mund haltend wie ein Stück Knäckebrot.
Aus «Muttermal und Augenweiss», edition apropos, 2021
MAI 2026
Rückzugsgfächt
En alte Maa chunt mit ere junge Frau, wo wahrschiinli siini Tochter isch, in e Gartewirtschaft ine. Er cha chuum meh laufe und bruucht drum es Paar Stöck.
Er hät au Müeh bim Absitze.
Er heepet sofort luut:
Frölein, es Bier!
D Serviertochter, won uusgseht wien e Serviertochter, frööged früntli:
Nöd z chalt, gällezi.
De alt Maa richted sich im Stuel halben uuf und bäled zrugg:
Momoll, e chalts! und seit dänn zu de Tochter übere:
Das spilt doch e kä Rolle, oder?
D Tochter lächled nume vor sich ane, seit aber nüüt.
Aus: «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», Federlesen Verlag, 2012
APRIL 2026
Über den Vorteil des Älterwerdens
Was ich alles nicht mehr sein muss:
Chartsänger
Olympiasieger
Oscargewinner
Nobelpreisträger
auch nicht:
Spitzenreiter
Weltcupleader
Tabellenerster
Medaillenträger
sicher kein:
Frauenverführer
Herzensbrecher
Womanizer
Ladykiller
nein, nein, weder:
Türvorsteher
noch Weltenlenker
weder Übervater
noch Säulenheiliger
und nein, auf gar keinen Fall:
Klinkenputzer
Augenklimperer
Einschmeichler
Arschlecker
definitiv kein:
Publikumsliebling
Weltrekordhalter
Jahrhundertkünstler
Bestsellerschriftsteller
und nie und nimmer:
Heerführer
auch nicht Diskussionsführer
nicht mal Brautführer
oder sonstwie Anführer
und niemals mehr:
Topankläger
Starverteidiger
Tonangeber
Meistersinger
man bewahre mich vor:
dem Konzernleiter
dem Branchenleader
dem Denkvorsitzenden
dem Oberkommandierenden
und erst recht vor:
dem die Führung Innehabenden
dem das Szepter Schwingenden
dem die erste Geige Spielenden
dem die Zügel in der Hand Haltenden
dem den schönen Schein Wahrenden
dem an oberster Stelle Stehenden
dem jederzeit mit gutem Beispiel Vorangehenden
dem den ersten Platz um jeden Preis Verteidigenden
All dies kann ich lächelnd meiden
muss niemanden um nichts beneiden
kann mich ohne jedes Leiden
einfach mit – HW bescheiden
FEBRUAR/MÄRZ 2026
Geschichten im Bauch
Da war einer, der hatte Geschichten im Bauch,
wie andere Leute Poulet und Bratkartoffeln.
Aber während Poulet und Bratkartoffeln
ihren natürlichen Weg nehmen, blieben die Geschichten
im Bauch des Mannes hocken und bildeten dort einen Klumpen,
ähnlich einem unverdauten Käsebrei.
Da war ein Ziehen und Reissen, ein Blähen und Rumpeln
in den Eingeweiden des Mannes, dass dieser oftmals meinte.
sein Bauch müsse platzen.
Ab und zu verschaffte er sich zwar für Augenblicke Erleichterung,
durch einen lauten Rülpser etwa oder andern Ends durch ein
unsichtbares, übelriechendes Wölkchen, was die Umgebung stets
mit betretener Miene oder empörten Blicken quittierte, oder gar durch
einen dröhnenden Wind.
Austilgen liessen sich die Geschichten jedoch auf diese Weise nicht.
Ihre Kerne wucherten kühn und wild weiter,
durchzogen den Körper des Mannes bis in seine feinsten Nervenbahnen,
nisteten sich überall ein, bildeten neue Ableger,
welche ihrerseits immer neue Geschichtsknoten entstehen liessen,
bis der Mann selber eine einzige Geschichte war,
ohne Poulet und Bratkartoffeln,
ohne Anfang und Ende.
Aus: «Aperitifgeschichten», IKOS Verlag, 2002
2025
NOVEMBER 2025
Wägen e paar Lieder
Wägen e paar Lieder
won ich gsunge han über iri Gheimniss
sind d Fraue mängsmal gschpässig nett
zumene alte Maa wien ich s bin.
Sie händ es gheims Örtli
in ihrem gschäftige Läbe
wo sie mich anefüered
Deet tüend sie sich uuf
bis uf d Huut und na tüüfer
und säged: «Lueg miich aa, Leonard.
Lueg miich es letschts Maal aa.»
Dänn tüend sie sich über s Bett büüge
und tecked miich zue
wie mer es Baby zueteckt
wo schlötterled.
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut» (Gedicht und Gschichte uf Schwiizertüütsch), Federlesen Verlag, 2012
Züritüütschi Übersetzig vom Leonard Cohen Gedicht «Because of a few songs»
SEPTEMBER/OKTOBER 2025
Packungsbeilage
Sein Leben war garantiert
schmerzgelindert und entzündungsgehemmt
stimmungsaufgeheitert und spannungsabgebaut
Die allfälligen Nebenwirkungen wie
Zittern
Wallungen
Juckreiz
Atemnot
Hautausschläge
Allergien
Herzrhythmusstörungen
Sodbrennen
Schwellungen
Erhöhten Blutdruck
Magenschmerzen
Übelkeit
Blut im Darm
Durchfall
Aphthen im Mund
Rasenden Puls
Eingeschränkte Reaktionsbereitschaft
Bewusstseinsstörungen
Angstzustände
Mundtrockenheit
Müdigkeit
Schwitzen
Herzjagen
Verstopfung
Konzentrationsschwäche
Kopfschmerzen
Appetitsverlust
Hautreizungen
Leberschädigungen
Kreislaufversagen
Sehstörungen
Verwirrtheitszustände
Magengeschwüre
hatte er auf der Packungsbeilage
übersehen
und seinen Arzt oder eine Fachperson
zu spät gefragt
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
AUGUST 2025
Die Schweizer Flagge
Das deutsche Kind, das beim Anblick der Schweizer Flagge,
die es offenbar zum ersten Mal in Natura sieht, ausruft:
Schau dort, eine Flagge mit einem Heftpflaster!
Ich horche auf: Bin ich jetzt beruhigt?
Oder beleidigt?
Oder was?
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
JULI 2025
Im Wartsaal
Die Frau, die in den kleinen Wartsaal eintritt mit erwartungsvollem Lächeln und suchenden Augen, die vor Zärtlichkeit glänzen.
Die Wartenden auf den hölzernen Bänken sehen sich um und werfen sich fragende Blicke zu: Welchem Glückspilz gilt solche Zuwendung?
Und dann ist es der Hund, der unter der Sitzbank, wo er brav gewartet hat, hervorkriecht und schwanzwedelnd, pfotenverwerfend und zungentriefend an der Frau hochspringt, piepsende, fiebrige und orgiastische Töne ausstossend.
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
JUNI 2025
Umfallen
Vor mir stürzt plötzlich ein Mann, ohne ersichtlichen Grund
und so blitzschnell, als sei er gefällt worden.
Er rappelt sich hastig wieder auf, als wolle er diesen
Sturz vor den anderen verbergen, ja ihn ungeschehen machen,
und durch eben diese Hast werden die Passanten in der Nähe
erst recht auf den Zwischenfall aufmerksam. Sie machen
einen Bogen um die Stelle, wo der Mann gefallen ist,
richten ihre Blicke auf den Mann, der – kaum steht er wieder –
weitereilt, sich im Weggehen immer wieder umwendet,
die fragliche Stelle auf dem Boden mit bösen Blicken mustert
und dazu unablässig seinen Kopf schüttelt.
Aus «Muttermal und Augenweiss», edition apropos, 2021
MAI 2025
Uf eimal
häsch erscht na ales vor der ghaa
häsch der erscht na so vil vorgnaa
uf eimal isch es hinedraa
grad vorig bisch na jung gsii
grad vorig bisch debii gsii
uf eimal merksch es isch verbii
erscht geschter häsch na gspilt ghaa
erscht geschter häsch na träumt ghaa
uf eimal glaubsch dänn nüme draa
grad um dr Egge häsch na gern ghaa
grad um dr Egge häsch na warm ghaa
uf eimal häsch chalt
uf eimal wirsch alt
uf eimal bisch alt
und uf eimal bisch chalt
uf eimal
Aus «Die kleine Freiheit schrumpft, 38 Gedichte», pendo Verlag, 1979
APRIL 2025
Sag mir wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben
die Männer
die wohl als Babies alle
so niedlich gezappelt haben
bevor sie auf rätselhafte Weise
dem Krawattentum
entgegenwuchsen?
Wo sind die weichen Hälschen?
Die milchsüss duftenden Köpfchen?
Bevor sie versanken
in den schweissigen Stierennacken
und Speckhälsen der Jasager und Jasser
Wo sind die verschleckten Mäulchen?
Die träumerisch verzogenen Lippenpärchen?
Bevor sie rechthaberische Kinnladen
auf Nimmerwiedersehen
verschluckten
Wo sind die rosigen Händchen
mit den elfenbeinernen Fingernägelchen?
Bevor sie zu beinharten Klauen
der Raffgier erstarrten
Wo sind die feingeäderten Öhrchen
die durchsichtig waren wie Transparentpapierchen?
Bevor sie verhärteten zu ledrigen Ohrblättern
die ohne lang zu fackeln
kampferprobt wackeln
Wo ist es geblieben
das süsse Gebrabbel?
Das köstliche Gelalle?
Bevor es in der schäumenden Rede
des Besserwissers ertrank
Und wo ist sie geblieben
die Engelhaftigkeit der Wängelchen?
Die rosa Glätte des Stirnchens?
Bevor sie die Furchen der Hohlwangigkeit verschlangen
Die Antwort mein Kind
weiss niemand als der Wind
Die Antwort weiss niemand
als der Wind
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
MÄRZ 2025
She sings so nice
She sings so nice
there’s no desire in her voice
She sings alone
to tell us all
that we have not been found
Sie singt eso schön
Sie singt eso schön
in irer Schtimm isch e käis Verlange
Sie singt eläi
und laat öis zrugg
mit öisem äigene Plange
Aus: Leonard Cohen Poems «Verussen isch chalt», Schwiizertüütsch vom Heinz Wegmann
Berechtigte Lizenzausgabe, zweite ergänzte Auflage, 2010
JANUAR/FEBRUAR 2025
Die chlii Utopie
Die chlii Utopie vom heile Wältli
isch eso süess wien es Himbeerzältli
Mir suggeled sie ii
öisi chliini Utopie
vom glücklich sii
vom fridlich sii
vom frei sii
vom läbig sii
Sie chläubed öis am Zah
die chlii Utopie vom Haa
vom Glück haa
vom Fride haa
vom Freiheit haa
vom Läbe haa
Sie tuet so schön verlaufe
die chlii Utopie vom chaufe
vom Glück chaufe
vom Fride chaufe
vom Freiheit chaufe
vom Läbe chaufe
Die chlii Utopie vom heile Wältli
isch eso süess wien es Himbeerzältli
und liislig werded i de Müüler
grossi Utopiee fuul und füüler
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut» (Gedicht und Gschichte uf Schwiizertüütsch), Federlesen Verlag, 2012
2024
DEZEMBER 2024
Wie zu schreiben wäre
Auf fertige Antworten verzichten
Keine Rezepte liefern
Fragen stellen
In Frage stellen
Keine Schulterklopf Formulierungen
Keine Es-geht-schon-wenn-man-richtig-will-Tröstereien
Keine Leit- und Lernsätze
Und erst recht keine Ausrufezeichensätze
Vor Ratschlägen ist unbedingt zu warnen
Vor Aufmunterungen ebenso
Belehrungen sind weiträumig zu umgehen
Keine Kumpelhaftigkeit durch die Hintertür einführen
Keine Einspur-Motivationen eingeben
Keine Kurzlacher hervorrufende Pointen an den Kopf schmeissen
Der Sehnsucht der Leserschaft nach Lösungen
keinesfalls stattgeben
Dem Bedürfnis etwas Pfannenfertiges nach Hause zu tragen
entschiedenen Widerstand entgegensetzen
Glatten, sprichwortartigen Formulierungen misstrauen
Verunsicherungen statt Bestätigungen als Motto
Von stromlinienförmiger Moral absehen
Dem Zuhörer nicht nach dem Mund reden, sondern ihm entgegen
Zu wissen: Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gelungen
Schlussendlich: Mehr irritieren als brillieren
Aus «Muttermal und Augenweiss», edition apropos, 2021
NOVEMBER 2024
Häppchen
Eine Frau bot ihren Männern immer nur Apéro mit Häppchen an.
Die Männer verlangten jeweils rasch nach dem Hauptgang,
was die Frau aber nicht auf Anhieb liefern mochte.
So blieb sie oft für sich und musste ihr selbstgemachtes Dessert
allein geniessen, was sie aber mit Freuden tat.
Dabei dachte sie an die übriggebliebenen Häppchen
und was sie morgen damit anfangen könnte.
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
OKTOBER 2024
Der Schäferhund
Ein Schäferhund strich ständig den Hundedamen nach. Dabei hatte er es vor allem auf die putzig aufgemachten Pudelweibchen abgesehen, die sein nordisches Blut immer wieder arg in Wallung brachten.
Einmal verliebte er sich wieder gewaltig in so ein hübsches Wuschelding, welches zur Steigerung seiner Liebreize eines jener bunt gemusterten Hundemäntelchen zur Schau trug.
Der Schäferhund tat alles, um seiner Angebetenen zu gefallen.
Er richtete seinen Schwanz augenblicklich steif in die Höhe, wenn sich ihm ein potentieller Widersacher in den Weg stellte.
In eines seiner prächtig spitzen Ohrblätter liess er sich gar ein modisches Würstchen piercen, aus echtem Silber.
Die goldene Hundemarke liess er salopp über seine blondbehaarte Brust baumeln, und wenn er um seine Flamme streifte, zog er seinen Hängebauch so stramm ein, dass er kaum mehr richtig atmen, geschweige denn schnüffeln konnte.
Wenn er das Pudelweibchen so umwarb, nahmen seine Augen immer diesen unterwürfigen Ausdruck an, sodass die Umworbene schliesslich ausrief: „Dein hündischer Blick ist ja nicht zum Aushalten!“ und sich flugs einen anderen anlachte, einen waschechten Dobermann.
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
SEPTEMBER 2024
Von der annähernden Richtigkeit des Seins
So wie es war
war es richtig
So wie es ist
ist es richtig
So wie es sein wird
wird es richtig sein
Oder je
haarscharf
daneben
Aus «Muttermal und Augenweiss», edition apropos, 2021
AUGUST 2024
Augeblick
S Prassle
vom Räge
vor em Fäischter
S Chnischtere
vo de Gluet
im Chämifüür
De Gruch
vo Ginschter
uf diinere Huut
Und dänn
vergässe dass
s Prassle
vom Räge
s Chnischtere
vom Füür
de Gruch
vo Ginschter
uf diinere Huut
emal
z Änd gaat
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut» (Gedicht und Gschichte uf Schwiizertüütsch), Federlesen Verlag 2012
JULI 2024
Ordnung muss sein
Da war einer, dem die Ordnung das halbe Leben war.
Darob vergass er ganz,
dass er eine andere
bessere Hälfte hatte,
und als diese ihm entschwand,
um sich mit einer anderen,
besseren Hälfte zu paaren,
blieb er zurück
mit seinem halben Leben,
ganz ordentlich erschrocken,
wie es sich für ihn gehörte.
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
JUNI 2024
Familiezämekunft
Im «Frohsinn» simmer gsii, deet chömmer guet ässe, häts gheisse, aber es isch gar nüüt raars gsii, Suurchruut und Wädli häts ghee.
Bi de Suppe hät mer de Fritz siis Raucherbei zeiget und de Franz hät gseit, er heig nu na ei Lunge. D Tante Marie hät chuum meh chöne de Suppelöffel hebe, esoo Rheuma hät sie efang und d Tante Trudi hät äxtra müesse es Hafersüppli bstele wägen ihrem Bandwurm. Woni de Sänf für s Wädli bi de Cousine Ursi äne gholt ha, hät sie mir verzellt, sie müess jetz dänn d Hüft go operiere und ire Maa, de Turi, müess au go kuure wäge siim Rugge, jetz gönds schiins mitenand uf Leukerbad go bädele. De Dessert hät s Emmy nöd chöne nee, wil sie z dick seig, defüür hät de Freddy zwee gässe, wil er na e chli müessi zuelegge nach siinere Galleblasenoperation.
Bim Kafi, wo mer dänn so richtig is Plaudere choo sind, hät mer d Mone verzellt, de Adrian und d Rita seiged jetz gschide, ich ha ja immer gseit, deet stimmi öppis nööd, und tänk emal, em Hanny siin Sohn seig im Chefi, ich ha vo alem Aafang aa gwüsst, dass es mit dem Pürschtli nöd guet usechunt, und s Vreni, hä ja s Vreni, die won immer eso Pünkt gha hät bi de Purschte, die suufi efang wien es Loch, dere han i au nie so rächt trout.
Aber suscht isch es schön gsii, mer sind erscht am elfi z Nacht heichoo.
Ich ha dänn bis am drüü am Morge nöd chöne iischlaafe, wil s im «Frohsinn» e kä Kafi Haag gee hät.
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», Federlesen Verlag, 2012
APRIL/MAI 2024
Da sein
Der grosse Fisch erzählte
dem kleinen Fisch von früher:
Damals warst du noch nicht
auf der Welt.
Da fragte der kleine Fisch:
Wo war ich,
als ich noch nicht auf der Welt war?
Ich weiss es nicht,
antwortete der grosse Fisch,
du warst einfach noch nicht da.
Es gab dich einfach nicht.
Wir konnten dich nicht sehen,
Wir konnten dich nicht hören,
Wir konnten dich nicht spüren.
Der kleine Fisch sagte:
Aber irgendwo muss ich doch gewesen sein.
Vielleicht habe ich mich irgendwo versteckt.
Ja, wahrscheinlich habe ich irgendwo gewartet,
bis ich auf die Welt kommen konnte.
Ja, wahrscheinlich,
sagte der grosse Fisch,
aber die Hauptsache ist doch,
dass du jetzt da bist,
dass wir dich jetzt sehen,
dass wir dich jetzt hören,
dass wir dich jetzt spüren können.
Und er sah,
wie die Augen des kleinen Fisches leuchteten,
und er hörte,
wie das Wasser um den kleinen Fisch herum
leise rauschte
und er spürte die kräftigen Wellen,
die der kleine Fisch hinter sich zurückliess.
Aus «Das Regenbogenzelt», Pro Juventute, Zürich, 1983
MÄRZ 2024
A person who eats meat
A person who eats meat
wants to get his teeth into something
A person who does not eat meat
wants to get his teeth into something else
If these thoughts interest you for even a moment
you are lost
Öpper wo Fläisch isst
Öpper wo Fläisch isst
wott mit siine Zäh nöimed driibiisse
Öpper wo e käi Fleisch isst
wott mit siine Zäh nöimed andersch driibiisse
Wänn diich söttigi Gedanke interessiered
nur äis Sekündli
bisch verlore
Aus: Leonard Cohen Poems «Verussen isch chalt», Schwiizertüütsch vom Heinz Wegmann
Berechtigte Lizenzausgabe, zweite ergänzte Auflage, 2010
FEBRUAR 2024
Tischgespräch
Da gab es zwei, die sich über einem Essen beweisen wollten, dass sie einander mehr zu sagen hatten als nichts.
Aber kaum hatten sie Platz genommen, begann der eine sich über den aufgetischten Weisswein zu äussern, seine frische, strohgelbe Farbe erwähnend, seinen schlanken, feingliedrigen Körper lobend. Besonders hervorzuheben sei auch die grasige Süffigkeit, sowie die Spritzigkeit des leicht fruchtigen Aromas. Der andere warf ein, der etwas stahlige Geschmack erinnere ihn eher an Katzenpisse, aber da wurde er harsch zurecht gewiesen mit dem Hinweis, diese vielleicht etwas ruppige Säure sei gewollt und erinnere doch eher an frisch geschlagenes, grünes Holz.
Das brachte das Gespräch vorerst zum Erliegen.
Etwas später, beim Hauptgang, wurde Rotwein aufgetragen und sofort brachte der erste die Rede auf dessen angenehme Völle, und bevor der andere dazu ein Wort sagen konnte, fuhr er begeistert fort, diesen Wein fände er sehr mundig, um nicht zu sagen vollmundig, charaktervoll und vollendet körperreich, ja, er verstieg sich zu Ausdrücken wie «blaubeeriges Nasenspiel» und «nach Nelke riechende Würzigkeit», die er zu erschnuppern vorgab.
Ob er denn nicht etwas gar wuchtig sei, wagte der andere einzuwerfen, aber sofort wurde er auf die samtige Textur hingewiesen, die runde Süsse, gefolgt von dem nachhaltigen Abgang bzw. dem Nachhall von gerösteten Himbeerkernen, die diesem Tropfen innewohne.
Füllig fände er ihn eigentlich schon, meinte nun der andere, vielleicht sogar etwas mollig, aber bei dem Wort mollig zuckte der erste zusammen, als sei er persönlich getroffen worden und er verwendete die nächsten fünf Minuten dafür, seinem Gegenüber klarzumachen, dass ein grosser Unterschied bestehe zwischen mollig und muskulös, und dieser Wein sei eben muskulös, aber niemals mollig, dafür sei er doch mit einer reintönigen Blume ausgestattet, einem geradezu abgeklärten Bukett ! Ob er denn solcher Finess gegenüber unempfänglich sei, fragte er ihn erstaunt, und ehe der andere antworten konnte, fügte er nahtlos an, dies sei ganz einfach ein grosser Wein, und ob er denn die leichte Kaffeenote und den feinen Hauch von Blackberry Jam, gereift im Eichenfass, nicht wahrnehmen könne, und als der andere nur etwas ratlos die rechte Augenbraue hochhob, klopfte ihm der erste auf die Schulter und meinte begütigend, er werde mit der Zeit schon noch herausfinden, was ein runder und zugleich vielschichtiger Tropfen sei, und er wünsche ihm von ganzen Herzen, dass er einen solchen harmonischen und nuancenreichen Trinkgenuss auch einmal erleben dürfe, denn ein solcher käme eigentlich nichts anderem gleich als einem Gaumenevent, einem oralen Orgasmus!
Auf diesen Worterguss hin verstummte der andere endgültig, er fühlte sich plötzlich plump und matt, er schluckte drei Mal leer, mit tauber Schnauze und derber Nase, und nahm dabei in seinem Mund einen schalen, flachen und pelzigen Geschmack wahr, der ins Fuselige, ja Faulige ging, bezahlte sauer, um nicht zu sagen bissig, seinen Anteil und machte seinerseits einen kurzen, unsauberen Abgang, unterdrückte dabei die Frage, die ihm auf der Zungenspitze lag, ob er denn eigentlich den samtig eleganten Gaumen, den sehr langen Körper, den reifen Charme, die Opulenz und die tiefgründige Balance seiner eigenen Ehefrau nicht wahrnehmen könne, er jedenfalls habe deren Krachmandelaroma und ihr facettenreiches Butter-, Pfeffer- und Honigduftnotenspiel letzte Nacht wieder einmal voll ausgekostet.
Aus «A la carte», IKOS Verlag, 2005
JANUAR 2024
Kulturkampf
Direkt vor dem Fenster, auf dem rechteckigen Holzplättli,
standen in Reihen ausgerichtet die Emmentaler-Möckli, auf-
gespiesst von bolzengeraden Zahnstöcherli mit Schwyzer
Fähnli. Alle waren zusätzlich ausgerüstet mit einem Gürkli-
stückli oder einem Redli einheimischer Rüebli.
Auf der porzellanweissen Designer-Platte gleich daneben
suhlten sich die Sushis in ihrem eigenen Saft, eine ungleich
höhere Zugriffsquote erzielend, was die Bröckli aus dem
Emmental, die schon leise vor sich hintrockneten,
noch eine Spur gelber aussehen liess
und ihre Löcher noch etwas löcheriger.
Aus «Muttermal und Augenweiss», edition apropos, 2021
2023
DEZEMBER 2023
12 Zeilen Roman
Da war einer, dem das Glück nicht eben hold gewesen war.
Von Kindsbeinen an hatte er hart arbeiten müssen und wenig
zu lachen gehabt.
Menschen und Tiere hatte er etwa gleich liebgewonnen.
Zum Geld hatte er ein vorübergehendes Verhältnis.
Er wurde von den andern geschätzt, weil er regelmässig,
aber nicht zu oft zum Coiffeur ging.
Grösserer Vergehen hatte er sich nicht schuldig gemacht.
Gott hatte nie Notiz von ihm genommen und er umgekehrt
auch nicht von ihm.
Als er starb, waren viele Leute traurig
und einige nicht.
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», edition apropos, 2017
NOVEMBER 2023
Der grosse alte Fisch
Der kleine und der grosse Fisch
spielten zusammen.
Da sahen sie auf einmal
den grossen alten Fisch.
Langsam schwamm er
an ihnen vorbei.
Seine Flossen zitterten leicht.
Seine Augen waren ganz matt.
Still blieb der grosse alte Fisch
im Wasser stehen.
Was hat er?
fragte der kleine Fisch.
Warum bleibt er stehen,
so mitten im Wasser?
Er ruht sich aus,
antwortete der grosse Fisch.
Seine Flossen sind müde
vom vielen Schwimmen,
und seine Augen sind matt
vom vielen Schauen.
Was macht der grosse alte Fisch den ganzen Tag?
Er isst ein paar Brocken,
und er trinkt ein paar Tropfen,
und er schwimmt etwas,
und er schläft etwas.
Will der grosse alte Fisch
nicht mit anderen Fischen spielen?
Vielleicht schon.
Aber man braucht Freunde zum Spielen.
Der grosse alte Fisch ist allein.
Seine Freunde sind schon alle gestorben.
Und die jungen Fische haben meistens keine Zeit
für den grossen alten Fisch.
Vielleicht ist der grosse alte Fisch
auch lieber allein…
Alte Fische wollen manchmal lieber allein sein.
Weil sie ihre Ruhe haben wollen.
Oder weil sie enttäuscht sind
von den anderen Fischen.
Einmal laden wir den grossen alten Fisch
zu uns ein,
sagte der kleine Fisch.
Wir geben ihm das beste Wasser zu trinken.
Glaubst du, dass er kommt?
Aus: «Das Regenbogenzelt», Atlantis Kinderbücher bei Pro Juventute, 1983
OKTOBER 2023
Aus einem neuen Rechenbuch
2/3 der Uferlandschaft
an den schweizerischen Seen
sind überbaut
Der Rest
ist
Privatstrand
Rechne
Aus: «Wartet nur» Verlag Sauerländer, 1976
SEPTEMBER 2023
Do not forget old friends
Do not forget old friends
you knew long before I met you
the times I know nothing about
being someone
who lives by himself
and only visits you on a raid
Vergiss die alte Fründe nööd
Vergiss die alte Fründe nööd
wo kännt häsch bevor miich kännt häsch
Vergiss diini Ziite nöd
won ich nöd kännt han
won ich eifach öpper gsii bin
won eläige gläbt hät
und uf en churze Sprung
bi diir verbiicho isch
Aus: Leonard Cohen Poems «Verussen isch chalt», Schwiizertüütsch vom Heinz Wegmann
Berechtigte Lizenzausgabe, zweite ergänzte Auflage, 2010
AUGUST 2023
Warten
Da war einer, der tat alles, was er tat,
mit einer flachen Hast, als wolle er das,
was vor ihm lag, möglichst rasch und ohne Schmerz
hinter sich bringen.
Vor allem das Schöne konnte er kaum erwarten,
lief schreiend darauf zu, trieb es in wilden
Sprüngen vor sich her, immer weiter von sich weg,
bis es in der leuchtenden Stille entschwand
und nicht mehr zurückkehren wollte,
was seine Hast nur immer wilder machte
und seinen Schmerz grösser.
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», 2017
JULI 2023
Sorrento (Italien), zwischen 19.16 und 19.21 Uhr
Durch die geöffneten Fenster
meines Hotelzimmers:
Das Geklappere eines Tellers
Das Gerücke eines Stuhles
Das Geweine eines Kindes
Das Geklingle eines Telefons
Das Gekeife einer Frau
Das Gescheppere eines Kübels
Das Gekichere eines Mädchens
Das Geschreie einer Katze
Das Gefluche eines Mannes
Das Geheule eines Hundes
Das Gepfeife eines Passanten
Das Gemurmel eines Marktes
Das Geplärre eines Radios
Das Gestampfe eines Basses
Das Gestöhne eines Liebespaares
Das Getröpfle einer Dachrinne
Das Gehämmere eines Werkzeugs
Das Gebimmle einer Glocke
Das Getute einer Sirene
Und über allem
das betörende Gedufte
eines Gelages
Genauso genauso genauso
müsste mein Gedichte sein
ein Gedicht sein
n Gdcht sn
ei ei ei
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», 2017
JUNI 2023
En Vogel maale
Zeerscht
es Chefi maale
mit emene offne Tüürli
dänn
öppis Fiins maale
öppis Eifachs
öppis Schööns
öppis Nützlichs
für de Vogel
dänn
d Liinwand an en Baum anehänke
imene Garte
imene Wäldli
oder imene Wald
sich hinder em Baum verstecke
käs Wörtli säge
käs Mücksli mache
Villicht chunnt de Vogel gschnäll
aber es chan auch jaarelang gaa
bis er chunnt
Nöd de Muet verlüüre
warte
lang warte
villicht jaarelang warte
ohni as Bild z tänke
Wänn dänn de Vogel chunnt
wänn er überhaupt chunnt
müüslistill sii
warte bis de Vogel im Chefi isch
und wänn er dinen isch
liislig s Tüürli vom Chefi mit em Pinsel zuetue
dänn
s Chefigitter naa di naa duur tue
uufpasse
nöd a d Fädere vom Vogel anechoo
Dänn
de Baum maale
de schönscht Ascht maale
für de Vogel
au di grüene Bletter maale
und de Wind wo blaased
und d Sune wo schiint
und d Töön vo de Tier im Graas
und d Wärmi vom Summer
und dänn wider warte
bis de Vogel aafangt singe
Wänn de Vogel nöd singt
isch es es schlächts Zeiche
es Zeiche dass s Bild schlächt isch
Aber wänn de Vogel singt
isch es es guets Zeiche
es Zeiche dass s Bild fertig isch
Jetz ganz süüferli
em Vogel eis Fäderli uuszupfe
und demit diin Name
imenen Egge vom Bild aneschriibe.
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», 2012
Übersetzung von Jacques Prévert «Pour faire le portrait d’ un oiseau» aus: Paroles
MAI 2023
Postskriptum
Siis ganze Läbe
hät er wele
i de Ziitig
staa
Bi de Todesaazeig
häts em
dänn äntli
glanget
Esoo vil Lüüt
sind a siini Beerdigung
choo
Schaad
hät er das
nöd chöne
live
mit
erläbe
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», 2012
APRIL 2023
Ändstation
Ich han dänk au
miini Modäll
wien en Kunschtmaaler
Emal – es isch scho es Ziitli heer –
han i vom Tram uus
de Fraue naaglueget
won a de Haltistell
ii- und uusgstige sind
Uf eimal
isch mer vorne im Tram
e Frau is Aug gstoche
woni gar nöd gsee han iistiige
ganz elei isch sie deet gsässe
und ganz zfride hät sie uusgsee
Sie hät mer sofort schuurig gfale
aber im gliiche Momänt
han i gsee
dass es miini Frau gsii isch
Ganz zfride bin i a de Ändstation
zuenere ane und ha sie liislig gfrööget:
Stiigezi au daa uus?
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», 2012
Übersetzung von Jacques Prévert «Voyages» aus: HISTOIRES, Editions Gallimard, 1963
FEBRUAR/MÄRZ 2023
Choo und Gaa
Zeerscht chömed mer uf d Wält
glii gömmer uf zwei Bei
und bald scho chömed mer i d Schuel
dänn gömmer i d Lehr und is Ussland
und mängsmal mit em Chopf dur d Wand
Mer chömed in Schwung
und mängsmal i Schwierigkeite
mer gönd is Büro oder i d Chile
mer chömed wiiter oder au nööd
mer gönd für öpper dur s Füür
oder chömed vo öpperem nüme loos
dänn gömmer is Bett
mängsmal z spaat und ämel nöd elei
mer chömed obenabe
oder gönd halbe druff
mer gönd is Kafi oder i d Feerie
und öppe haarscharf am Läbe verbii
Bald gömmer nu na süüferli
uf tummi Gedanke chömed mer nüme
mer gönd nu na chli uf Bsuech
und chömed nüme z spaat hei
Mer lönd öis mängsmal la gaa
und chömed immer weniger druus
so gömmer langsam am Änd zue
und am Schluss chömed mer ali in Bode
Wo mer dänn na here gönd
weiss niemer
und ob mer wider chömed
wüssed mer au nöd
Esoo isch
uf dere Wält
eis cheibe Choo
und Gaa
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», 2012
JANUAR 2023
Neujahr
Sekunden vor Mitternacht
sinkt das alte Jahr
wie vom Blitz getroffen
hinter mir
in sich zusammen
für einen Moment
sehe ich noch
seine emporgereckte rechte Faust
in die Nacht ragen
ehe es vom einsetzenden Glockengeläute
endgültig niedergeschlagen wird
Aus «Muttermal und Augenweiss», 2021
DEZEMBER 2022
Weihnachten steht vor der Tür
Jedes Jahr, wenn sich dieser Satz kurzatmig aus dem Jahreszeitenwortbrei heraushebt, kann ich nicht anders: Ich gehe zur Tür und schaue nach. Und da steht sie doch tatsächlich, schön herausgeputzt, etwas schief lächelnd, und ich bin zuerst einmal überrascht, wie früh sie dieses Jahr gekommen ist, mir scheint, sie käme jedes Jahr früher, aber ich bitte sie mit einer automatischen Geste herein, und dann steht sie eine Zeit lang einfach bei mir rum, und ich weiss gar nicht, was ich mit ihr anfangen und ob ich ihr etwas anbieten soll, eine Mandarine vielleicht oder eine Dattel, aber da kommt mir in den Sinn, dass ich so etwas noch gar nicht im Haus habe, und ein Bier oder ein Glas Wein anzubieten, käme mir etwas seltsam vor, also lächeln wir einander zu, und ich sehe, dass ihr Lippenstiftrot etwas verschmiert ist, und jetzt im Licht erkenne ich auch, dass ihre Gesichtszüge seltsam starr wirken, das kommt sicher von den vielen Liftings, die sie hinter sich hat, denke ich, und meine anfängliche Überraschung weicht immer mehr einem Gefühl, das man am ehesten als eine Mischung aus Nachsicht und Mitleid beschreiben könnte, und ich schliesse die Tür, die sie halb offen gelassen hat, schnell hinter ihr zu, noch immer sagen wir kein Wort, schauen uns nur aus den Augenwinkeln an, und aus lauter Verlegenheit zünde ich eine Kerze an.
Aus «Muttermal und Augenweiss», 2021
OKTOBER/NOVEMBER 2022
E chli sterbe
Ligg zu mer hii, mach d Auge zue
s isch Ziit jetz für es Ziitli Rueh
hinder de Wimpere es liisligs Zittere
wie d Luft im Summer vor em Gwittere.
Bi diim Ohr, es bitzli une
deet schmöckts nach Huut und Haar und Sune
und diini Elle, s isch nöd gloge,
die macht en choge schöne Boge.
Diini Bruscht in miinere Hand
isch wie en Huufe laue Sand
ladt ii zum zöikle, goiggle, chüschele
vo diner Schööni e chli abzläschele.
Muusbei elei und wie zwei Stei
sind miini Bei ohni diini Bei
vo diine allerliebschte Chnüü
hettets am allerliebschte drüü.
Und wänn d mich streichlisch mit de Hand
chunsch abe bis uf d Chnochewand
im Hirni s Achtibähnli drum
pfured uuf und ab und zringelum.
Aber s allerschönschte Sunneplätzli
isch für es warms und wulligs Chätzli
vor Luscht e chli sterbe, esoo wämmers haa
doch das gaat niemer öppis aa.
Aus «Vo Herzchlopfe und Hüenerhuut», 2012
JULI 2022
Aufruf zur Rettung der (Mund)-Artenvielfalt
Schweizweit sind heute all Tag e ganzi Schwetti Wörter in Gefahr
eifürallimal zu verschwinden.
Sie werden hinderüxli verdrängt durch
so neumöödigi Sprachen
wie Hochdeutsch und Englisch.
Folgende Wörter sind naadisnaa von der Zerstörung
und Ausrottung bedroht und sollten unbedingt unter Artenschutz gestellt werden und zwar schlegelawegge:
Aus der Gattung der Substantive
de Giizgnäpper
de Plagööri
de Schutzgatteri
de Pfüderi
de Suufludi
de Brüelätsch
de Lamaaschi
d’ Gugelfuer
Kaum öpper – oder fascht niemert – verwendet diese Wörter
noch in seiner Alltagssprache.
Aus der Familie der Adjektive
sollten gerettet werden:
muckmüüslistill
gschnäderfreesig
uurgmüetli
rumpelsurig
speerangelwiitoff
zunderobsi
lümpelig
mudrig
Ausser es paar alti Chnoche kennt ja hüttzutags niemand mehr
die Bedeutung dieser Wörter.
Akut bedroht ist aber auch die Spezie
der Verben.
Insbesondere sötted geschützt werden:
schmürzele
schmegele
meegele
guene
chosle
fuere
abläschele
umepäschele
Söttigi seltene Exemplare
trifft man leider nur noch irgendwo
im Binätsch usse
Tüenzi also unsere Bemühungen
im Bereich Mundartschutz unterstützen.
Durch konsequente Verwendung
von Ausdrücken wie
rübis und stübis
i d’Schue blaase
büürschted und gschtreeled
du verbrännti Zäine
es goldigs Nüüteli und es silberigs Nienewägeli
sowie durch Ihre Mitgliedschaft in öisem Club
Mundart-isch-geil-und-git-e-gueti-Luune
abgekürzt MIGUGEGL
leisten Sie einen wichtigen Beitrag
zur Erhaltung unseres Sprachschatzes.
Damit auch kommende Generationen
in unserer Muttersprache ploderen und laferen können.
So fühlen wir uns under öiseräins
puurlimunter und vögeliwohl
aber villicht au
es bitzeli
muetterseeleneläi.
Gezeichnet Heinz Wägme (eeh … Wegmann)
Aus «Sag mir wo die Blumen sind», 2017
JUNI 2022
Familiebild
D Muetter isch am Lisme
De Sohn isch im Chrieg
D Muetter macht e kän Mucks
Und de Vater? Was macht de Vater?
Er gschäftet
Siini Frau lismet
Siin Sohn chrieget
Und er gschäftet
Er macht e kän Mucks de Vater
Und de Bueb? De Sohn?
Was macht de Sohn?
Er macht e kän Mucks de Sohn
Siini Muetter lismet siin Vater gschäftet er chrieget
Wänn er fertig isch mit Chriege
Tuet er mit siim Vater gschäfte
De Sohn macht wiiter im Chrieg
D Muetter macht wiiter a de Lismete
De Vater macht wiiter im Gschäft
De Sohn wird töödt
Er macht e kän Mucks meh
D Muetter und de Vater gönd uf de Fridhof
Sie mached e kän Mucks de Vater und d Muetter
S Läbe gaht wiiter mit de Lismete em Chrieg em Gschäft
Mit em Gschäft em Chrieg de Lismete em Chrieg
Mit dem Gschäft em Gschäfte em Gschäftle
Mit em Läbe für de Fridhof
Übersetzung von: Jacques Prévert, Familiale aus « Paroles »
In : Prévert «Gedicht uf Schwiizertüütsch» vom Heinz Wegmann, 1980
APRIL & MAI 2022
Die Kühe
Es war einmal ein Stier, der versprach all seinen Kühen
besseres Land und grüneres Gras.
Alles, was sie dazu bräuchten, seien stärkere Hörner, sagte er ihnen.
Die Kühe schauten sich mit ihren Kuhaugen bedeutungsvoll an
und nickten mit ihren Kuhschädeln.
Der Stier liess die Kühe härter arbeiten als bisher
und ihre Halsbänder enger schnallen.
Bald waren sie neu ausgerüstet: zuerst mit Langhörnern, dann mit Spitzhörnern,
dann mit Spiralhörnern und schliesslich mit Raketenhörnern.
Die Kühe wurden immer magerer von all den neuen, schwereren Hörnern.
Dem Stier aber ging es jeden Tag besser,
und bald hing das Bild des Stierenkopfs mit seinen triumphalen Nacken
und seinem schmierigen Lächeln in allen Kuhställen.
Als der Stier die ganze Hörnerpracht so vor sich versammelt sah,
schlug sein Stierenherz höher und er schickte die ganze Kuhherde
mit einem brüllenden Schrei in Richtung des Nachbarkuhlandes.
Augenblicklich und mit gestreckten Hälsen trabten die Kühe los,
in einen sinnlosen Kampf, aus dem nur wenige lebend zurückkehrten.
Der Stier überlebte, und er zettelt mit immer wieder neuen Kühen
immer wieder neues Unheil an.
Das ist es, was die Geschichte der Kuhheit uns Menschen lehrt.
(aus: «Aperitifgeschichten» IKOS-Verlag, 2002)
MÄRZ 2022
Die schweigende Mehrheit
Sie sassen in ihren Häusern, bei genügend Licht und in leise
dampfender Wärme, als draussen das Unwetter losbrach.
Zuerst bemerkten sie von alldem nichts.
Erst als das grelle Zucken der Blitze und das scharfe Bellen des Donners
immer gedrängter aufeinander folgten, hoben sie leicht die Köpfe,
sahen sich aber nicht in die Augen.
Schliesslich zitterten die Mauern ihrer Häuser, und sie mussten sich
an den schwankenden Möbeln festhalten.
Windstösse begannen voller Wut, die Dächer ihrer Häuser abzuheben.
Die hereinbrechenden Hagelkörner in der Grösse von Tennisbällen
erschlugen Haustiere und Kleinkinder.
Die Politiker trugen unterdessen auf den zuckenden Bildschirmen
äusserst besorgte Mienen zur Schau.
Noch immer rührten sich die Bewohner kaum,
kauten nur stumm die Glassplitter der geborstenen Scheiben
und suchten sich dann wortlos zwischen den Trümmern
den Weg zu ihren Betten, den Mund voll Blut.
(aus: «Aperitifgeschichten» 2002)
FEBRUAR 2022
The reason I write
The reason I write
is to make something
as beautiful as you are
When I’m with you
I want to be the kind of hero
I wanted to be
when I was seven years old
a perfect man
who kills
Warum ich schriibe
Ich schriibe
wil ich öppis
eso schön wett mache
wie du bisch
Wänn ich bi diir bin
möcht ich desäb Held sii
won i ha wele sii
als chliine Pfüdi
en Sibesiech
wo ales miech
(aus: Leonard Cohen Poems, Uf Züritüütsch vom Heinz Wegmann «Verrussen isch chalt», 2010)
JANUAR 2022
Sätze an einen kleinen Knaben
doch, doch,
auch ein Mann
darf ab und zu weinen;
verlerne es nicht,
das Weinen,
und wenn du dich klein fühlst,
lehne dich an;
und lehne dich auf,
wenn man dir sagt:
Das ist nichts für Knaben;
und glaube denen nicht,
die sagen:
Männer sind einfach so;
und lehne den Panzer ab,
und wähle die Puppe;
nur wenn du niemanden beherrschst,
wird dich nichts beherrschen;
etwas Rechtes werden
ist schon recht,
aber gesteh
deine Angst,
und schrei auf
unter dem Schmerz,
und zeig allen
immer wieder
die blauen Druckstellen
all over your little body.
(aus: Die kleine Freiheit schrumpft, 1979)
Sätze an ein kleines Mädchen
nein, nein,
du brauchst nicht immer
sofort zu weinen;
das Weinen ist nicht
deine einzige Waffe;
nicht immer
wird eine starke Hand
für dich da sein;
ab und zu
wirst du selber einen Hammer
zur Hand nehmen müssen;
vielleicht schlägst du dir dabei
auf deinen zierlichen Daumen;
süss sein
ist schon recht,
aber auch dies
wird dich nicht retten
vor dem Alleinsein;
glaube denen nicht,
die sagen:
Das gehört sich nicht
für eine Frau;
erhebe deine Stimme
und überrasche sie
mit der Stärke
deines Geschlechts.
Heinz Wegmann
Im Gsteig 28, 8713 Uerikon
044 926 48 77
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